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Wenn man sehr viel Zeit mit einem Thema verbringt, scheint es als ob die ganze Welt sich damit beschäftigt. Oder ist es umgekehrt und beschäftige ich mich so viel mit dem Klimawandel weil die Zeitungen voll stehen.

Jürgen Hambrecht, Vorstandsvorsitzender von BASF, schrieb ein Gastkommentar in die Financial Times. ‚Abschied von den Illusionen, schreibt er, und er meint damit nicht die Illusionen von uneingeschränkter Energiekonsum, weitergehende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen usw, sondern den abschied von

  • Illusion Nummer eins: Europa kann das globale Klima im Alleingang retten.
  • Illusion Nummer zwei: Die Industrie wird’s schon richten.
  • Illusion Nummer drei: Nur erneuerbare Energie ist klimafreundlich.

Es ist ein lesenswertes Kommentar, speziell auch für Leute wie ich, die zu Einseitigkeit neigen.  Es bleibt aber auch einseitig in seiner Darstellung.

Natürlich  kann Europa das globale Klima nicht in Alleingang retten. Die EU Mitglieder haben aber das Kyoto-Protokoll unnterschrieben, und sich zu Emissionsreduktionen verpflichtet. Seine Forderung nach einer globalen Allianz erinnert an den Forderungen der 3C-Allianz, wo BASF nicht beigetreten ist. Natürlich wird die Industrie es nicht schon richten. Die Industrie sollte aber nicht jammern: erstens bezahlt die Prozessindustrie keine Ökosteuern, und zweitens schont das neue Allokationsplan (NAP2) die Industrie auch. Die Energiewirtschaft wird viel starker in die Verantwortung genommen. Und natürlich ist nicht nur erneuerbare Energie klimafreundlich. Es gibt klima-unfreundliche erneuerbare Energieen, Energie sparen (= keine Energie) ist sehr klimafreundlich. Es ist aber keinen Traum, wie eine Studie von Greenpeace und EREC belegt. Selbstverständlich sind viele seiner Lösungen auch sehr sinnvoll. (Ausser das obligatorische Plädoyer für Kernenergie..)

Trotzdem macht sein Kommentar mich wütend. Wieder ein wichtiger Wirtschaftsführer, der sich erst betroffen zeigt, um anschliessend auf die anderen zu zeigen: Haushalte können viel mehr tun als die Industrie, Verkehr ist mindestens so wichtig und noch nicht in den Emissionszielen eingebunden, in China und Indien ist viel mehr Potenzial als in Europa. Lieber Herr Hambrecht, jeder soll erstmal bei sich zuhause putzen. Ich bei mir – auch hier zuhause gibt es noch einiges zu tun – und Sie bei BASF (und zuhause vielleicht auch, das kann ich nicht beurteilen.)

Es geht auch anders. Die Deutsche Bank hat eine Studie veröffentlicht, die die EU-Emissionshandel untersucht hat. Der Autor, Eric Heyman, schreibt erfrischend klar. In den12 Seiten seines Dokuments ist mir klar geworden, wie die Begünstigung der Kohleverstromung gegenüber Gas funktioniert. (Obwohl im Buch  ‘Handel mit CO2-Zertifikaten’ viel genauer beschrieben wird wie die Regelungen sind, bin ich nicht Jurist genug, um gleich die Konsekwenzen zu verstehen.

Wir sind uns aber auch erfreulich einig: das Einpreisen der Zertifikatspreise ist betriebswirtschaftlich korrekt, die Zertifikaten sollten versteigert werden statt verschenkt, die Begünstigungen der Kohleverstromung gegenüber Gas im deutschen Allokationsplan sind kritisch zu sehen, zwischen Klimaschutz und niedrigen Energiepreisen besteht ein Zielkonflikt, stringente Klimaziele fördern die Entwicklung von neuen Lösungen die die Welt braucht, und damit können europäischen Unternehmen auch eine Marktposition aufbauen.

Vielleicht bewerbe ich mich mal bei ‚Deutsche Bank Research‘. Offensichtlich kriegt man da die Zeit nachzudenken, ohne dass die Marketingabteilung mitredet.

One Trackback

  1. […] Nachgedacht (mal wieder) Es ist immer wieder Thema, dass Kohlekraftwerke mehr CO2-Zertifikate pro MWh Strom kriegen als Gaskraftwerke. (Ich schrieb auch schon mal zum Thema). […]

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