Capitalism 3.0

Während wir erst bei Web 2.0 und Human 2.0 sind, bräuchte der Kapitalismus schon dringend einen Upgrade nach Version 3.0. Jörg Haas von der Heinrich Böll Stiftung hatte mich auf das Buch Capitalism 3.0 gewiesen.

Es ist indertat ein nettes Buch. Peter Barnes beschäftigt sich mit der ‚Tragik der Almende‘. Die Almende, ‚the commons‘, ist das was worauf wir alle gemeinsam zugreifen können. Die Luft die wir atmen, die Fische im Meer. Eine spieltheoretische Einführung in der Thematik steht in ‚Spieltheorie für Einsteiger‘ von Dixit und Nalebuff, eine systemtheoretische in ‚Die Fünfte Disziplin‘ von Senge. Lösungen gibt es da nicht.

Barnes beschreibt, wie die Politik die Probleme nicht im Griff bekommt, weil Politiker zu kurzlebig denken. Dann beschreibt er, wie Unternehmen das Problem nicht im Griff bekommen können, weil sie eben anders ticken. Die Manager von börsennotierte Unternehmen können verklagt werden, wenn sie die wirtschaftlichen Interressen ihrer Aktionären zurückstellen. Und institutionelle Investoren, wie große Rentenversicherer, sind auch gehalten über die Renten ihrer Versicherten zu wachen, anstatt über die Almende.

Barnes Vorschlag ist, um Besitzrechte an den ‚Commons‘ zu koppeln, die von ‚Trusts‘ verwaltet werden. Die Manager eines Trusts wären verklagbar, wenn sie die Rechte der Allgemeinheit nicht ausreichend wahren.

Es ist ein lesenswertes und wichtiges Buch, dass sich konstruktiv mit einer der größeren gesellschaftlichen Problemen auseinander setzt. Es kostet nichts, wenn man sich mit der elektronischen Ausführung begnügt.

Nach meinem Geschmack ist das ganze schlüssig, solange es nicht umgesetzt wird. Ich finde es eine interressante Idee, die auch so hier und da ausprobiert werden muss. (Ich habe es vorgeschlagen als Organisationsform für ein Open Source Projekt, dass einen Weg sucht, um das ‚intellectual property‘ zu verwalten.) Aber er nimmt zum Beispiel ein eher statisches ‚Betriebssystem‘ des Kapitalismus an, wo ich denke, dass eine der großen Stärken des Kapitalismus seine Flexibilität ist. Die Regeln entstehen von unten. Jeder macht was, manche – meistens die Stärkeren – habe Erfolg oder kriegen deren Rechte anerkannt, und so bewegt das System sich weiter. Es gibt viele Betriebssysteme oder eher Genotypen, manche entwickeln sich weiter, andere sterben ab.

Auch geht er davon aus, dass die Zuweisung von Besitzrechte an ein bereich ausserhalb der Unternehmen dauerhaft möglich ist. Ich glaube es nicht. Ich glaube es zum Beispiel nicht, weil es schon öfters Gesetzesänderungen gegeben hat, die ‚Gemeinschaftsbesitz‘ in Privatbesitz umgewandelt haben, oder eben diese Umwandlung legitimiert. Das kollektive Grundbesitz dass es in den Niederlanden gab wurde in der napoleontische Zeit verboten. Wälder und Felder in Gemeinschaftsbesitz wurden in AGs untergebracht, und nach und nach haben die Erben dann natürlich das Besitz verhökert.

Ich würde es gerne glauben, und eine Alternative für diese Problematik habe ich auch nicht, aber ich neige eher zu Zynismus.

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2 Comments

  1. Posted 6 August 2007 at 8:45 pm | Permalink

    Lieber Johan,
    da bist du aber ein wenig zu skeptisch. Gesellschaftliche Fortentwicklung ist doch möglich. Vor 250 Jahren wäre es kaum vorstellbar gewesen, eine Gesellschaft ohne Sklaverei zu denken. Heute ist das selbstverständlich und Sklaverei, wenn auch noch nicht ausgerottet, doch weitgehend geächtet.
    Auch die Anerkennung von Menschenrechten hat große Fortschritte gemacht, auch wenn sie noch nicht überall durchgesetzt werden.
    Warum sollte es also nicht auch denkbar sein, dass das Bewusstsein für den Wert von „Commons“ ebenso selbstverständlich zum Bestandteil unserer gesellschaftlichen Kultur wird wie die obengenannten Dinge? Wir sind alle reicher durch Commons – dafür muss nur das Bewusstsein wachsen.
    Und je enger die Welt wird, je deutlicher die Grenzen der globalen Commons wie Meere oder Atmosphäre für uns alle werden, desto stärker wird auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit ihres Erhalts und ihres Schutzes werden.
    Der alte Kapitalismus ächzt in allen Fugen – Die Zeit ist reif für einen Upgrade.

  2. Posted 15 August 2007 at 9:20 pm | Permalink

    Hallo Jörg,

    ich bin skeptisch aus verschiedenen Gründen.
    1) Gibt es nicht eine Idee, eine Erneuerung, die eine ganze Struktur ändert. Die Welt ist ein Zusammenspiel von viele kleinen Ursachen, Wirkungen, und Gleichgewichten. Es gibt nicht eine rettende Idee.
    2) Commons gab es, und hatten dem entstehenden Kapitalismus nichts entgegen zu setzen.
    3) Barnes geht aus von der ‚Machbarkeit‘ der Welt, von einer zentralen Steuerung.
    4) Es bleibt ein sehr US-Amerikanisches Buch, und die Analyse ist eine nationalstaatliche Analyse, die keine internationalen Interdependenzen berücksichtigt. Das macht die Idee überschaubarer, aber nicht realistischer.

    Das die Gesellschaft sich fortentwickelt heisst nicht, dass Sie fortentwickelt wird. Das Sklaverei verschwindet muss keine moralische Gründe haben – Sklaven muss man kaufen und füttern, Arbeitnehmer muss man nur füttern, um es zynisch zu beschreiben. Die Anerkennung von den Menschenrechten hat großen Fortschritten gemacht. Gleichzeitig wenden die großen Industriestaaten sich zynisch davon ab. (Guantanamo, Murat Kurnaz, Schroeders Kompliment an Putin.)

    Ebenso muss es nicht so sein, dass die Commons, wie Peter Barnes sie beschreibt, nur die Vorteile haben, die er beschreibt. Das Ganze hat durchaus auch Horrorpotenzial. Trusts die unseren Commons undemokratisch verwalten, und zwar belangt werden können, aber eher von zukünftigen Generationen.

    Nein, Jörg, ich bin nicht zu skeptisch. Aber ich könnte mir etwas von deiner Hoffnung abschneiden, um im Kleinen mehr zu bewegen.

    Schöne Grüße,
    Johan


2 Trackbacks

  1. By Kapitalismus 3.0 « CommonsBlog on 26 August 2008 at 10:56 pm

    […] Hier die Ankündigung (im Herbstprogramm 2008/ nach Peter Barnes suchen.) und die Kritik eines selbstbekennenden Zynikers. […]

  2. By Energiewende « – was einer so denkt – on 16 Juli 2009 at 11:52 am

    […] NGOs (weil das Problem zu groß ist) und damit ein Problem ist, dass die Konzerne lösen müssen. Peter Barnes hat dann die Trusts oder Stiftungen als Lösung für die Verwaltung der Commons eingebracht. Mir […]

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