Geteiltes Bewusstsein, Spielen und Wirtschaft

Als ich damals Andy Clark gefragt habe, weshalb er ‚die Anderen‘ ausschließt, wenn er das Bewusstsein in der Interaktion von Hirn, Körper und Welt unterbringt, war seine Antwort wie folgt:

I guess my take on it is that individual minds do exist,
even if their contents are informed by many many outisde influences
(including others)

Meine Frage bezog sich auf der Erkenntnis, dass das Bewusstsein nicht ausschließlich im Hirn, nicht ausschließlich im Hirn und Körper sondern auf Hirn, Körper und Umwelt verteilt gedacht werden muss. Ich war erstaunt, dass ‚Umwelt‘ sich auf Gegenstände beschränkt, während Menschen doch ein wichtiger Bestandteil unserer Umwelt sind.

Letzte Woche erinnerte ich mich wieder. Stuart Bing! Hameroffs Webseite führte zu der Einladung für die Tucson2008 Konferenz. Auf diese Konferenz gibt es einen Workshop zum Social Brain von David Craik und Charles Whitehead. Ich habe sofort hinterher geschrieben. Und Antwort bekommen, mit vier Artikel von Charles Whitehead.

Ich habe sie jetzt zu Ende gelesen. Und bin etwas durcheinander, oder vielleicht war ich das auch schon. Im längsten Artikel, Social Mirrors and Shared Experiential Worlds, beschreibt er, wie unser Bewusstsein nur bestehen kann, weil wir uns gegenseitig reflektieren. Social mirror theory, originating with Dilthey, Baldwin, Cooley and Mead, holds that there cannot be mirrors in the mind without mirrors in society. I will present evidence from the social and behavioural sciences to argue that self-awareness depends on social mirrors and shared experiential worlds. Und er beschreibt den Zusammenhang mit Spielen. Im ‚Kleinen‘, wie wir als Kind lernen, und im ‚Großen‘, wie hier:

The fact that wealth is so often displayed reveals the fundamentally theatrical character of economic activity. Cars that can travel at twice the legal speed limit, baseball caps with Bugs Bunny ears, and lavatory brushes shaped like geese – much of the stuff we spend our hard-earned money on – are the props and backdrops for the roles we assume or aspire to in our daily lives.

In der Beschreibung von gesellschaftlichen Prozessen greift er viel auf Marcel Mauss zurück. Ich habe ‚die Gabe‘ auch gelesen, und kann nachvollziehen, wenn Whitehead meint, dass ‚Marcel Mauss (1925), in a cross-cultural survey, revealed the essentially theatrical and make-believe character of economic systems‘. Ein interressanter Artikel. Auch das hier:

We laugh and cry at the fates of cinematic shadows whose adventures are accompanied by a sympathetic but invisible orchestra, or at the antics of mythological beasts like Tom and Jerry, and hardly suspect we are doing anything remarkable.

Dann hat er mir zwei ‚witzige‘ Kommentare zu früheren Tucson-Konfernzen geschickt, und eine kritische Auseinandersetzung mit ’10 Jahre Tucson‘. Diese kritische Auseinandersetzung macht mir jetzt zu schaffen. Er beschreibt, wie die Diskussion immer mehr ‚materialistisch‘ geworden ist. ‚You’re nothing but a bunch of neurons‘. Er kritisiert die Positionen der verschiedene materialistische Schulen. Auch zB. die Memetik von Susan Blackmore.

Ich kann ihm an vielen Stellen folgen. Ich bin aber ein überzeugter Materialist. (Nicht, dass ich einen Beweis habe, aber die Theorie, dass das Leben aus unendlich vielen kleinen Interaktionen besteht, ein ‚emergent‘ Prozess ist, ist für mich ein akzeptabeler Hypothese als die Idee, dass es ein spiritueller Ursprung gibt.)

Energie ist vielleicht das Zauberwort? Keine Ahnung. Ich bin erst mal ’nur‘ verunsichert.

Zum Schluss noch zwei Zitate:

But the highlight of Schwartz’s talk, for me, was the comparison he drew
between neuroscience and telecommunications research. He pointed out that the
belief that consciousness arises from physical processes in the brain is based on
three kinds of investigation:

  1. Correlational studies (e.g. EEG correlates of visual perception)
  2. Stimulation studies (e.g. electrical or magnetic)
  3. Ablation studies (e.g. effects of brain lesions)

But analogous methods are applied during television repair with parallel results,
yet no one comes to the conclusion that pictures on the screen are created inside
the TV. The neuroscientific evidence, like the television evidence, is equally
compatible with a hypothesis of antenna receiver.

und:

Let us then assume that crises are a necessary precondition for the emergence of
novel theories and ask next how scientists respond to their existence. Part of the
answer, as obvious as it is important, can be discovered by noting first what scientists
never do when confronted by even severe and prolonged anomalies. Though
they may begin to lose faith and then to consider alternatives, they do not renounce
the paradigm that has led them into crisis. They do not, that is, treat anomalies as
counter-instances, though in the vocabulary of the philosophy of science that is
what they are (Thomas Kuhn, 1962/1970, p. 77).

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4 Trackbacks

  1. By Grenzen an Privacy « – was einer so denkt – on 30 Januar 2008 at 9:20 am

    […] Gedanken dazu, teils inspiriert durch  rezente Lektüre, kamen, als ich den ‘Case Study‘ […]

  2. […] Wir entstehen in dauerhafter Wechselwirkung mit einander, die Grenzen zwischen Selbst und Ander sind ein ideologisches Konstrukt. ‘Wir’ ist ein Prozess. In dieser Zusammenhang bezieht sie sich auch auf Charles Whitehead, den ich schon mal erwähnt habe. […]

  3. […] Charles Whitehead ist ein (der?) Bewusstseinsforscher, der das Bewusstsein wieder sozial macht. Also die Frage aufgreift, weshalb wir die Anderen ausschließen, wenn wir das Bewusstsein nicht mehr ausschließlich im Hirn s…. […]

  4. By – was einer so denkt – on 16 April 2009 at 8:40 pm

    […] Es ist ein interessantes Buch. Der soziale Aspekt unser Bewusstsein wird aus vielen Blickwinkel beleuchtet. Einige Artikel waren mir zu spezialisiert, wie ein Artikel zur ‘Musical Narrative and Motives for Culture in Mother-Infant Vocal Interaction’. ‘Cultural Neuroscience of Consciousness: From Visual Perception to Self-Awareness‘ von Chiao, Li und Harrada fand ich dafür ganz schön. Die Autoren skizzieren, wei unsere Wahrnehmung vom ‘Ich’ kulturell bestimt wird. Das ist genau die Frage, die ich mir auch stelle. […]

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