FTD.de – Biogas Probleme

FTD.de – Industrie – Agenda – Die Luft ist raus

Ich werde meine Vorhersagen vielleicht revidieren müssen. Slawo hatte recht mit seiner Frage: ‚Warum sollen dann aber die Energiepreise steigen, wenn man Mais in Biogas umwandelt‘. Es ist nicht automatisch so, dass Energie teurer wird, wenn die Preise der Agrar-Rohstoffe steigen. Zur Erinnerung hier noch mal das Bild:

Preissystem Jetzt

Der Energieinput in der Landwirtschaft ist nicht der einzige Treiber bei den Energiepreisen. Das Bild ist nicht vollständig. Ich sehe mich aber in meiner Grundgedanke bestätigt. Landwirtschaft ist in den letzten 100 Jahre immer energieintensiver geworden. Wenn man den Output der Landwirtschaft nimmt, um den Input zu erstellen, ist das einen Kreislauf. Dieses hätten man vielleicht durchrechnen sollen, bevor man den blind hinterher rennt. Zitate:

1) Die Vertreter der Anlagenhersteller tingeln über die Dörfer, rechnen den Landwirten die schöne neue Biogaswelt vor – mit Weizenpreisen von 6 oder 7 Euro je Doppelzentner.

2) Auch die Bioenergie selbst trägt zur Knappheit bei. Die USA etwa verarbeiteten jährlich so viel Mais zu Bioethanol, wie in ganz Europa angebaut werde, berichtet Verbandspräsident Pellmeyer. Und hierzulande besetzten Energiepflanzen bereits ein Sechstel der Ackerfläche. „Wir sind Opfer unseres eigenen Booms geworden“, sagt Siegfried Goldschald. „Diese selbst ernannten Spezialisten haben uns damals gesagt: ,Das wird nichts an der Marktlage ändern.‘ Aber jetzt sind die Vorräte weg.“

Welche selbsternannte Spezialisten? Und sollte man nicht selber nachdenken und nachrechnen? Vorgestern schrieb ich über ‚due diligence‘ bei Morgan Stanley. Auch der Bauer ist aber für die eigenen Finanzen verantwortlich.

Es ist hart, dass die Probleme gerade im Bereich Biogas entstehen. Hier werden auch landwirtschaftliche Abfälle vergärt. Und vielleicht kommt die liberalisierung der Gasmarkt gerade rechtzeitig, und bleiben die Bauern ’nur‘ auf die Kosten des Blockheizkraftwerkes sitzen, und können sie das Gas im Netz einspeisen, damit woanders Strom und Wärme damit erzeugt wird? Wie den auch, es wird ein herber Rückschlag sein auf dem Weg zu einer dezentralen Energieversorgung.

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8 Comments

  1. Posted 7 Oktober 2008 at 8:48 am | Permalink

    also ich denke nicht, dass die Biogasproduktion einen Einfluss auf die Preisentwicklung beim Getreide in Deutschland hat. Dazu ist der für Substratproduktion beanspruchte Flächenanteil zu gering und stammt ja hauptsächlich aus der Stilllegung.
    Für die kleineren Hofanlagen bietet das neue EEG ja nun eine solide Vergütungsbasis. Wer damit (im Leistungsbereich 0…250 kW) nicht auskommt, der hat einfach ein nicht tragfähiges Konzept.
    Die Gaseinspeisung ist nur für wirklich große Anlagen lohnenswert, die Technik wird zwar auch für Anlagen um 500 kW verfügbar sein aber man kann davon ausgehen, dass das Ganze nicht wirtschaftlich zu machen ist

  2. Posted 7 Oktober 2008 at 9:54 am | Permalink

    Das FTD-Artikel ist älter und bezieht sich noch nicht auf das neue EEG. Ich kann nicht sagen, wie die Wirtschaftlichkeit sich weiter verhält.

    Es ist indertat auch so, dass viele Stillegungsflächen bebaut wurden. Aber nicht nur: hier im Nordwesten ist z.B. viel Grasland aufgebrochen.

    Andererseits: die Stillegungsflächen sind auch nur deswegen genommen, weil die Preise hoch gegangen sind. Man hat einfach genau so lange die bestehenden Flächen genommen, bis die Preise hoch gegangen sind, und die Stillegungsprämie geringer war als der Verdienst aus dem Gas. Es gab kein Bauer, der gesagt hat: ’nein, mein Acker ist selbstverständlich nur für Mensch- und Tiernahrung gedacht. Für Gas nehme ich nur Stillegungsflächen‘. Es gibt immer einen wirtschaftlichen Grund für solche Prozesse.

  3. Posted 7 Oktober 2008 at 6:35 pm | Permalink

    genauso ist es. Das viele Flächen aus der Stilllegung rausgegangen sind, hat aber eher seinen Grund darin, dass die Preise entsprechend angezogen haben und es möglich gemacht wurde.
    Das Preisniveau, auf dem sich der Weizen lange bewegt hat (deutlich oberhalb 200€) lässt sich aber durch den Ausbau von Biogas nicht begründen. Unter Berücksichtigung der Vergütungen und der Aufwendungen zur Erzeugung und Verwertung von Biogas kann man eine Anlage nur mit Inputpreisen betreiben die unter äquivalent 170-180€ für den Weizen liegen, selbst das ist schon knapp. Natürlich kann man das nicht pauschalisieren, hier git es starke regionale Komponenten..

  4. Posted 7 Oktober 2008 at 7:17 pm | Permalink

    Das Preisniveau, auf dem sich der Weizen lange bewegt hat (deutlich oberhalb 200€) lässt sich aber durch den Ausbau von Biogas nicht begründen. Unter Berücksichtigung der Vergütungen und der Aufwendungen zur Erzeugung und Verwertung von Biogas kann man eine Anlage nur mit Inputpreisen betreiben die unter äquivalent 170-180€ für den Weizen liegen, selbst das ist schon knap
    Das FTD-Artikel hat diese Problematik angesprochen. Trotzdem glaube ich, dass die Zusammenhänge komplizierter sind: Wenn man Weizen für 170€ gewinnbringend vergären kann, soll man es nicht für 140€ zu Pizza verkommen lassen. Damit könnten die Gasanlagen eine Art Boden im Markt gebracht haben.

    Ich glaube auch, dass auch andere Faktoren migespielt haben, aber die Biogas- und Biokraftstoffproduktion tragen sicherlich bei an der Preisentwicklung von Getreide.

  5. Posted 7 Oktober 2008 at 8:21 pm | Permalink

    Der Boden könnte durch die energetische Nutzung in der Tat dargestellt werden, allerdings eben auch nur, wenn man mengen (oder besser Flächen) in relevanter Größe kurzfristig in die energetische Nutzung bringen könnte. Doch das ist beim Biogas nur Theorie.
    Das sieht beim Bioethanol (siehe USA) sicher etwas anders aus.

  6. Posted 7 Oktober 2008 at 8:47 pm | Permalink

    Ich kenn mich zuwenig mit den technischen Details aus. Ich erinnere mich aber ein Artikel in der Top Agrar – und wirklich, ich habe nur eine Nmmer von dem Zeitschrift in Händen gehabt, dass war also reiner Zufall – wo auch die ‚Trockenvergärung‘ angesprochen wurde, also Vergärung ohne Mist. Für mich bedeutet das, dass der Betreiber wählen kann, wieviel Getreide er/sie verwendet. Das heisst, dass man eine gewisse Freiheit hat, abhängig auch von den Preisen.

    Wieso wäre das beim Biogas nur Theorie? Und was wäre notwendig, um es Praxis werden zu lassen?

  7. Posted 7 Oktober 2008 at 8:59 pm | Permalink

    Die Trockenvergärung stammt aus den Ursprüngen der Biogaserzeugung, als vor allem Reststoffe vergärt wurden. Man darf sich das Ganze nicht so vorstellen, dass dort die Substrate tatsächlich trocken reinkommen, vielmehr ist der Trockensubstanzgehalt der Fermente deutlich höher als bei klassischen Anlagen, etwa über 40%.
    Wir haben in den Jahren bis 2007 viele neue Trockenfermentationsanlagen bekommen, weil der Trend (unvernünftigerweise) hin zu reinen Mais-/Getreideanlagen ging (im Gegensatz zur klassischen güllegeführten Anlage mit einem relevanten Gülleanteil >30%). Dies wurde ja auch durch das alte EEG befördert. Trotzdem sind diese Anlagen in 2007 reihenweise pleite gegangen, da die Inputpreise direkt am Agrarmarkt hängen, während klassische Anlagen eine sehr starke preisstabile Komponente haben, nämlich die Gülle, die in der regel kostenfrei zur Verfügung steht.
    Das neue EEG reagiert auf diese Fehlentwicklungen und fördert nunmehr explizit Anlagen mit einem Gülleeinsatz über 30%.

    Preisfreiheit ist natürlich praktisch unmöglich. Ob ich Mais, Roggen oder Weizen in die Anlage gebe ist doch irrelevant, entscheidend ist für den Landwirt der flächenertrag und die Benchmark hierfür ergibt sich aus dem Marktpreis für Weizen.

  8. Posted 14 Oktober 2008 at 2:13 pm | Permalink

    Eigentlich werden in diesem Artikel die Zusammenhänge, die ich meine, ganz gut angesprochen.


2 Trackbacks

  1. […] es gibt auch die andere Seite. Denn Gemeinden und Landwirte machen sich um die Zukunft ihrer Dörfer sorgen. Eigentlich klingt so […]

  2. […] mal wieder Richtung Biomasse/Agrokraftstoffe schauen. Hier noch mal den Grafik, den ich hier und hier schon mal verwendet habe. Dieser Eintrag wurde von johan steunenberg erstellt und geposted auf […]

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