Praxisbuch Energiewirtschaft.

Ich habe das Praxisbuch Energiewirtschaft von Panos Konstantin nicht zu Ende gelesen.

Das Buch ist sicherlich ein Zugewinn für mein Bücherschrank, und ich werde noch einiges in dem Buch nachschlagen können. In der Hinsicht kann ich die Lobhudelei des Amazon-Rezensenten verstehen. (Der Rezensent könnte aber gut der Autor oder einen Kollegen sein..) (Nachtrag 25. Feb. 2008: Ich verwende das Buch jetzt für mein Wikiartikel zur Bewertung von Gaskraftwerke. Ich habe wirklich viel davon. )
Der Autor wird aber seinen Untertitel nicht gerecht. Der Bezug auf dem liberalisierten Markt ist nicht gegeben. Es ist ein reines Ingenieursbuch. Warum?

Im Positiven wegen der großen Menge an Rechenbeispiele und Auswertungen. Wo sonst findet man konkrete Rechenbeispiele für die Investitionsrechnung eines Kernkraftwerkes (und sieht das die Entsorgungskosten niedriger veranschlagt sind als die Brennstoffkosten – obwohl die Endlagerung noch immer nicht geklärt ist) oder ein Parabolrinnenkraftwerk.

Im Negativen bleibt der Autor auch in der Ingenieursdomäne wenn er was anderes vorgibt:

  1. Mit Details wie ‚Die in Deutschland dafür genutzten Castorbehälter, enthalten ca. 6 Tonnen abgebrannten Brennstoff, wiegen aber insgesamt ca. 100 Tonnen‘. Dieses Detail fand ich im Kapitel über den Primärenergiemarkt. Wie der Uranmarkt funktioniert stand aber nicht dabei. Auch nicht, wie die Preisgestaltung von Uran ist.
  2. Mit einer Bemerkung wie ‚… wird das eingesetzte Kapital zwar wieder erwirtschaftet, jedoch ohne Verzinsung. Eine solche Maßnahme wäre eigentlich unwirtschaftlich.‘ Eigentlich? Wieso, eigentlich? Und das war kein Verschreiber, denn später auf die gleiche Seite 129:
  3. ‚So kann die Realisierung von sinnvollen Maßnahmen, die gerade an der Wirtschaftlichkeitsschwelle liegen, u.U. scheitern, nur weil dynamisch gerechnet wurde.‘ Dynamisch rechnen heißt hier abzinsen. Kurz gesagt, die Maßnahme rechnet sich vorhersehbar nicht – wir sprechen noch gar nicht über Risiken – aber wir mogeln uns durch.
  4. Die ganze Investitionsrechnung wird ohne ‚Real Options‘-Methodik gemacht, obwohl das gerade in der Energiewirtschaft keine neue Methode ist. Jegliche Form von Szenario-denken wird ausgelassen. (System Dynamics wäre eine andere Herangehensweise, spieltheoretische Szenarien sind auch denkbar.)
  5. ‚Das Marktprinzip von Angebot und Nachfrage spielt bei der Preisbildung von Rohöl eine immer geringere Rolle.‘ Wegen des Börsenhandels.. Böse Spekulanten. Herr Konstantin geht hier von einer statischen Angebots- und Nachfrage-Kurve aus. Das ist ein merkwürdiges Marktverständnis. Der Markt hat nicht nur mit Angebot und Nachfrage zu tun, sondern auch mit Erwartungen. Öl kann man speichern. Man kann erwarten, dass die Preise steigen.
  6. Bei der Beschreibung der Kosten für ein AndaSol Parabolrinnenkraftwerk steht ‚Ein Kostengleichstand der [..] Kraftwerkstypen ergäbe sich erst bei einem Rohölpreis von 125$/barrel. Damit liegen solche Kraftwerke von der Wirtschaftlichkeitsschwelle noch weit entfernt.‘

Der letzte Punkt ist interessant. Er liegt weit daneben. Dadurch, dass die Kosten für ein Parabolrinnenkraftwerk um 15-20% gesenkt wurden und 80$ pro Fass jetzt schon extrem billig ist, sind wir jetzt schon fast so weit. Eine Seite vorher bezieht der Autor sich aber auf den Durchschnittspreis für Rohöl in 2005 (~50$) und sieht dabei einen Preis von 80$ in der näheren Zukunft als möglich an. Damit war er weiter als das EWI, dass in 2006 noch davon ausging, dass die Ölpreise sich nicht über 60$ einpendeln würden. Zitat:

Der Hauptgrund ist: Ein Ölpreis von langfristig 30 $/bbl oder darüber führt neben einer
Dämpfung des Nachfragewachstums zu erheblichen Ausweitungen des Ölangebots.
Zusätzliche konventionelle Ölvorkommen außerhalb der OPEC, die Realisierung höherer
Entölungsgrade und die Förderung nicht-konventioneller Öle werden dann rentabel. Bislang
beruhten Investitionsentscheidungen der meisten Ölunternehmen in Exploration und
Fördertechnik auf langfristigen Ölpreisen von 20-25 $/bbl. Physische Knappheiten von
Ölressourcen werden für die kommenden Dekaden nicht gesehen.
Die vorliegende Studie untersucht die Auswirkungen eines Preispfades für Rohöl, der mit real
60 $2000/bbl oder rd. 100 $/bbl nominal im Jahr 2030 um 60 % über den Preisen der
Referenzprognose liegt.

(Im September letzten Jahres war im Radio einen Experten mit 72$ etwas mit ‚kurzfristig Spielraum nach oben‘…)

Alles in allem kenne ich kein anderes Buch, dass den Überblick bietet, dass dieses Buch bietet. Das Buch hätte aber

  • ein besseres Lektorat verdient
  • nicht ‚liberalisiert‘ im Titel haben dürfen
  • nicht solche kleinstbeschriftete Abbildungen haben dürfen

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