Struggle for Energy: wie es war.

Wie gesagt war ich gestern auf der Groninger ‚Struggle for Energy‚ Konferenz. Es gab viele interessante Vorträge. Ich werde hier meine Eindrucke schreiben. Nähre Informationen zu den Sprechern gibt es hier, ich versuche, zu jeder SprecherIn noch einen eigenen Link zu finden.

Der erste Vortrag war von Coby van der Linde, Forscherin im Bereich Energiepolitik und internationale Energiemärkte. Bei ihr war der ’struggle for energy‘ am Besten zu hören. Sie hat ganz viele Zahlen gegeben: wer produziert was, wer konsumiert was, wo wächst die Welt am schnellsten.

Ich habe ihre zentrale These wie folgt verstanden: Die Politiker haben in den 90-ern viel über Liberalisierung und Markt geredet. Jetzt sehen wir, dass wir die geopolitischen Interessen außer Acht gelassen haben. Politiker in anderen Ländern haben anders gehandelt. Der Handel in Energieträger wird zunehmend ‚bilaterized‘. Der Markt ist ein ’sellers market‘. Und für die Produzenten sind die reife Märkte in den OECD-Länder nicht so interessant wie die expandierenden Märkten in Asien und Lateinamerika. Da werden sie also investieren.

Sie hat dann den Begriff ‚Energie-Sicherheit‘ differenziert. Das Spannungsfeld zwischen Preise, Umwelt und Sicherheit hat sie als Ausgangspunkt genommen, und das noch mal differenziert nach Nachfrage- und Angebotsseite. Auch die Produzenten wollen Sicherheit.
Ihr Bildchen enthielt viel mehr Info, aber so schnell konnte ich nicht mitmalen:

Versorgungssicherheit

Noch einige Schnappschüsse:
Sie hat über die Sicherung der Lieferweg gesprochen. Die US sichert bis jetzt unseren Lieferweg. (Ist Deutschland nicht auch schon in der Straße von Hormuz unterwegs?) China wird aber auch anfangen, sicher in der chinesischen See und in der Seestraße bei Malakka. Es wird ungemein voll auf See.
Sie hat über strategischen Vorräten gesprochen: Politiker werden immer zögern, strategischen Vorräten anzusprechen, wenn unklar ist, wie Lange eine Krise dauert. Das ist geforscht worden.
Öl ist als Primärenergieträger speziell in Entwicklungsländer wichtig. Für Kohle oder Gas brauchst du viel mehr Infrastruktur.
Die ‚Große Ölgesellschaften‘ werden ziemlich klein, wenn es um den Zugriff auf Öl- und Gasreserven geht. Die staatlichen Gesellschaften in den produzierenden Ländern dagegen immer größer. Von ‚the seven sister‘ zu ‚die sieben Zwerge‘, vielleicht?

Diese ‚geopolitische‘ Herangehensweise ist nicht meine Welt. Das ist nicht böse gemeint; ich schau nie dahin. Ich bin doch dermaßen marktgläubig, dass ich auch Diskussionen über ’nationale Champions‘ nicht glauben kann. Ich sehe schon, dass es Leute ernst ist. Aber den Sinn verstehe ich nicht. Das ist doch gut, wenn man sich seiner blinden Flecken bewusst wird.

Dann kam Peter de Wit, CEO von Shell Nederland. Sein Speech zusammengefasst:

  1. Wir Ölgesellschaften müssen uns ganz schön anstrengen, um an Ball zu bleiben. Aber wir bieten die staatlichen Gesellschaften einen Mehrwert. (Die Probleme mit Sahkalin II wurden mit Ihrem Lerneffekt erwähnt.) (Ein Teilnehmer im Nachhinein: ‚Mir kamen die Tränen. Ich griff sofort zu meinem Geldbeutel; ich konnte mich noch gerade zurückhalten.“)
  2. CCS ist gut, ohne geht es nicht.
  3. Wir forschen hauptsächlich im fossilen Bereich. 2. Generation Biofuels machen wir auch, aber die erneuerbaren Energien reichen nicht mal um den Wachstum der Nachfrage nach Primärenergie zu decken. Hier habe ich mich sehr über den Zahlenschleier geärgert: Er sagt: der gesamte Weltbedarf an Primärenergie ist ~ 200M ‚Barrelequivalenten‘ pro Tag. Regenerative Produkte bringen 2M ‚Barrelequivalenten‘ pro Tag. bei einem Wachstum von 1,8% reichen diese 2M schon nicht aus. Coby van der Linde hatte aber vorher auch Wachstumsraten für Agrokraftstoffe genannt (50%/Jahr), und wenn man die mitrechnet, sieht das Bildchen anders aus… Ich glaube nicht, dass diese 50% nachhaltig gehandhabt werden kann, aber ich glaube schlicht und einfach auch nicht, dass diese 1,8% nachhaltig gehandhabt werden kann. Wir werden sowieso Probleme haben.
  4. Energie ist Wohlstand. Du brauchst Wohlstand, um auf nachhaltigen Quellen umzusteigen. Mit CCS und fossilen Brandstoffen kommen wir dahin. Die Welt braucht Shell. (Ja, ein leichter Hauch von Ironie mag in meiner Beschreibung mitspielen.)
  5. Die Energiedebatte muss ohne emotionale Debatte über Klimaänderung geführt werden.

Hier noch eine Grafik. Wenn wir annehmen, dass der Gesamtbedarf mit 1,8% / Jahr steigt (Peter de Wit) und die Renewables mit 25% pro Jahr (Hälfte von Coby van der Linde), sieht die Kurve so aus:

Anteil renewables

Ein Versorger! Rinse de Jong, CFO von Essent, hat darüber gesprochen, wie Essent mit der Versorgungssicherheit umgeht. Essent definiert seine Wertschöpfungskette als: Von Operations über Balancing zu Sales. Das ‚Balancing‘ ist in Essent Trading untergebracht, das seit kurzem in Geneve angesiedelt ist. (Das wusste ich noch nicht.) Und die meisten Risiken werden hier verwaltet. Er zeigte noch eine ganz tolle bunte Grafik über deren Risikomanagementsprozess, die ich aber nicht lesen, geschweige den verstehen konnte. Ich fand es spannend, dass sie, um Risiken zu verwalten, Einkaufsbüros aufsetzen in den Gegenden, wo deren Rohstoffe herkommen. Ich finde es auch klug.

Und dann hat er beschrieben, wie sie reagiert haben auf den Nachrichten von SocGen und Credit Suisse. Sie haben die Nachrichten auf relevante Elemente überprüft, und haben kontrolliert, ob diese Elemente zutreffen auf Essent. Wie Essent die relevanten Elmente definiert hat war interessant. Beispiel: ‚Verfolgen wir, ob unsere Leute Urlaub nehmen? Ab jetzt verpflichten und kontrollieren wir, dass jeder mindestens 2 Wochen am Stück Urlaub macht.‘

Dann kam Bert den Ouden, CEO der Amsterdamer Strombörse APX. Er hat sein Laufbahn angefangen als Berater im Bereich der erneuerbaren Energien. Er ist ein Marktmensch, und beschrieb, wie ‚market quality‘ die Versorgungssicherheit fördern kann. Die Niederlanden hatten das Problem, dass die Strompreise im Durchschnitt 10€ über die Preise in den Nachbarländer lagen, Import aber trotzdem öfter nicht stattfand. Die Politiker hatten schon nach neuen Interkonnektoren geschrien. APX hat sich zusammengetan mit Powernext in Frankreich, die Belpex in Belgien mitgegründet, und einen verknüpften Markt für die drei Länder angestoßen. Seitdem sind die Preise in den Niederlanden weniger volatil, und niedriger. Sein Traum ist einen verknüpften westeuropäischen Markt, die damit auch keinen dominanten Spieler mehr hat. Auch E.On und RWE zusammen haben keine dominante Position in einen gemeinsamen westeuropäischen Markt.

Der Morgen wurde von Guy Caruso, Chef der US Energy Information Administration, abgeschlossen. Die EIA hat Szenarien entwickelt, wie es mit den Ölpreisen weitergehen könnte. Diese Einstellung prognostiziert immer wieder, und bietet immer 3 Szenarien: Normalfall, oder ‚positiver‘ Fall, oder ‚wenn es schief geht‘ (und Öl teurer wird). Im pessimistischen Szenario von vor einem Jahr war eine Ölpreis von 100$ für 2030 angedacht. Jetzt sind die Szenarien nachgearbeitet: im Normalfall müsste Öl zu 2030 80$ kosten, im schlimmsten Fall ungefähr 40$, aber es kann auch 185$ werden. Wenn wir jetzt aus unseren Erfahrungen lernen: 185$ zum 6. März 2009?

Nach dem Businesslunch – an anderen Stellen wurde schon über holländische Lunches gelästert, ich kann das inzwischen nachvollziehen – gab es erst eine ‚Knowledge Session‘, für die Nichtstudenten, in Prinzip. Guy Caruso und Ludo van Haalderen, CEO von Nuon, ein sehr netter Mensch, saßen am Tisch, und haben mit dem Publikum diskutiert zu einigen Thesen. Das war interessant, aber ich kann nicht soviel dazu erzählen. Ludo van Haalderen freut sich aber wie Bolle, dass seine Geschäfte in Deutschland so gut laufen. Roland A. Jansen von Mother Earth Investments hat über Jatropha erzählt. Ich bin immer skeptisch, wenn es um Ölpflanzen geht. Jatropha ist nicht anspruchsvoll, es wächst auf alle Arten ‚wasteland‘ in tropischen Regionen, und sei ganz toll. (Der Herr Jansen bejahte, dass auch Regenwald ‚wasteland‘ sei nach der Definition, aber das sie selbstverständlich kein Regenwald abholzen. Das nehme ich ihm erst mal ab. Es ist bestimmt sogar billiger, wenn man auch Boden nehmen kann, die schon erodiert ist.)

Zum Schluss gab es dann noch eine allgemeine Paneldiskussion mit. Erst stellte Iain Smedley von Morgan Stanley den Investors Blick auf Renewables vor: Windhersteller sind gut, PV weniger, Biofuels nur in 2. oder eventuell 3. Generation. Und saubere utilities: Iberdrola und EDP haben deren Renewable-Sparte an der Börse gebracht, selbstverständlich mit dem Herrn Smedley, und das ist ganz gut gelaufen. Danach haben Lex Hoogduin, Ludo van Haalderen und Catrinus Jepma ein kurzes Statement abgegeben, und gab es eine Diskussion, wieder über Statements die die Organisatoren sich ausgedacht hatten.

Ich habe noch mal nachgehakt über eins meiner Steckenpferde: wieso seit ihr so sicher, dass die Uranpreise kein Hemmnis werden? Das offizielle Statement bleibt, dass die Kapitalkosten bestimmend bleiben für den Preis. Ich greif aber noch kurz zurück auf dem Praxisbuch Energiewirtschaft von Panos Konstantin. Wenn aber die Brennstoffkosten basierend auf Uranpreise in 2005, 10% der Kosten ausmachen, sollte eine Verdreifachung den Brennstoffanteil auf 25% bringen. Die Preise des Ausgangsmaterials haben sich im letzten Jahr schon mal versiebenfacht. Diese sind dann immer noch gering – 1% der Gesamtkosten – aber der Rest der Brennstofkosten wird gebildet durch die Aufbereitung, ziemlich energieintensive Prozesse. Das wird nicht billiger, kann ich da nur sagen.

Ich fand es einen schönen Tag. Und finde es immer erstaunlich, wie viel einfacher ich mich in ein holländisches Setting bewege. Ich bin auch in den Niederlanden schüchtern, aber viel weniger als in Deutschland.

One Trackback

  1. […] ist noch schlimmer als erwartet. Eigentlich habe ich eine andere Grafik gesucht, denn in März hatte Guy Caruso eine neue Studie versprochen. Wo im Worst Case Szenario Ölpreise von 135$ bis […]

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