Klimakriege

Ich habe ‘Klimakriege’ von Harald Welzer zu Ende gelesen. (Ich hatte schon vor einigen Wochen über das Buch geschrieben.) Das war eine düstere Lektüre.

Ich kann mich ganz gut zurückfinden in seiner zentralen Stellung, dass das Klimaproblem kein technisches sondern ein kulturelles Problem ist. Und dass das auch die Ebene ist, wo wir was lösen können, oder auch nicht.

Vieles im Buch dreht um die Geschichte der Gewalt, wie Gewalt unsere moderne Staten gebildet hat und wie die berechnende Vernichtungsmaschinen der Nazis und Stalinisten nur im Rahmen der Moderne und der Aufklärung verstanden werden können. Der Welzer hat gerade im Bereich des Nazigewalts viel geforscht, und das merkt man dem Buch an.

Der Gewalt in Ruanda reiht er in der genannten Tradition ein. Bei Darfur wird er noch spezifischer. Und in beiden Zusammenhänge beleuchtet er die Klimaaspekte. Zwei andere Sachen haben mich aber mehr beeindruckt: 1) sein Standpunkt, dass die Konflikte in Sudan (oder auch Somalien) nicht eine Äußerung sind von weiter existierenden Clanstrukturen, sondern alle Merkmale einer Auflösung dieser Strukturen in der Moderne tragen und 2) dass sich in diesen Ländern eine Gewaltökonomie stabilisiert, wobei es sich für Teile der Bevölkerung mehr lohnt, die Gegend instabil zu halten und weiter zu töten, als sich auf ein Friedensprozess einzulassen.

Aus dem Gewalt von heute projiziert er eine Gewalt der Zukunft, die mit kollabierenden Staaten einhergeht, ethnischen Säuberungen, und eine Verlagerung der europäischen Aussengrenzen immer weiter nach aussen. Die Flüchtlinge sollen sich nicht mehr in belgischen Polizeizellen erhängen, sondern in der lybischen Wüste verdursten oder auf dem Weg nach den Kanaren ertrinken. Auch das passiert heute schon. Innenpolitisch wird sich der Fokus immer mehr von Freiheit auf Sicherheit verlagern, wobei der ‚wir <-> die Anderen‘ Dynamik auch einiges an Gewalt in sich trägt. Auch hier sehe ich schon relativ dicke Wurzeln Europa, z.B. in den Niederlanden (Fortuyn, Wilders, Verdonk), aber auch in Deutschland, wo Koch noch zurückgepfiffen wurde, aber die CDU Krause zum Kultusminister in Thüringen machen wollte.

Nachher bringt er alles wieder mehr in der Klimakontext, um mit gleich zwei ‚Was man tun kann und was nicht‘ Kapiteln zu enden. Im ersten dieser beiden Kapiteln beschreibt er die Ansätze auf persönlicher, nationaler und internationaler Ebene, und die Bedeutung der Möglichkeiten. Im zweiten zweifelt er mit einer ganz guten Begründung, ob wir überhaupt etwas anderes tun werden als weitermachen wie gehabt.

Das Buch hat mich nicht froh gemacht. Und es hat mich verstehen lassen, wieso gerade sehr intelligente Leute die Tendenz haben, Klimaprobleme vehement zu leugnen: Ohnmacht ist nämlich ganz schlecht auszuhalten. (Oder ‚Dissonanz‘, wie Welzer schreibt.)

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