Die nächste Stromkrise (??)

Eigentlich traue ich der FTD nicht so ein mieses Kommentar zu: FTD.de – Kolumne – Tobias Bayer: Die nächste Stromkrise. Normalerweise haben die ganz ordentliche Kommentare, wenn es ums Klima geht.

Schon beim Titel fängt es an: bitte, wann war der letzte Stromkrise?

Die beiden Mitarbeiter der EU-Kommission sind für den europäischen Emissionshandel (EU ETS) zuständig – und damit indirekt für Ihre Stromrechnung. Denn abgesehen von steigenden Öl- und Gaspreisen, abgesehen von mangelndem Wettbewerb unter den Energieversorgern und abgesehen von fehlenden Kraftwerkskapazitäten sind Delbekes und Zapfels Vorschläge das größte Risiko für horrende Strompreise in der Zukunft. Und die Zukunft, die beginnt jetzt.

‚das größte Risiko für horrende Strompreise‘. Es wäre selbstverständlich Schade, wenn den horrenden Strompreise etwas passieren würde.. Aber die emotionale Ladung verschleiert die Ungenauigkeit. Und verschleiert auch, dass der Anteil der Rohstoffpreise und des fehlenden Wettbewerbs nicht quantifiziert werden müssen. Das Märchen der fehlenden Kraftwerkskapazitäten ist an anderen Stellen schon besprochen. Und die Kohlepreise fehlen.

Seit 2005 erhalten die Versorger […] CO2-Zertifikaten. […] kaufen die Unternehmen die fehlenden Rechte auf dem Markt zu. Dadurch bildet sich ein Preis für Kohlendioxid – der in der Kalkulation berücksichtigt wird. […] In Deutschland erklärt das laut dem Ökonomen Axel Ockenfels von der Universität Köln bereits einen Großteil des satten Strompreisanstiegs der vergangenen Jahre.

Der arme Axel Ockenfels. Seine Tragik ist, dass er öfter falsch verstanden wird 🙂 Ich gehe davon aus, dass hier auch eine Aussage zumindest extremst vereinfacht ist. Jedenfalls sollten wir uns vor Augen führen, dass die Zertifikate in 2007 fast umsonst waren,  ‚die letzten Jahren‘ ist ordentlich daneben. Die Kohlepreise haben sich aber in den letzten 5 Jahre auch vervielfacht.

[…] dass einige Experten mit Blick auf den CO2-Preis schon von einem „Fat-Tail-Risiko“ sprechen. Das heißt: von einer Preisspitze, bei der die Notierungen von derzeit 25 Euro pro Tonne Kohlendioxid auf 80 Euro, 100 Euro oder mehr hochschnellen könnten – mit gravierenden Folgen für alle Stromverbraucher

Schön wäre es, sage ich mal wieder. Ich würde gerne Namen von Experten hören. Dann nenne ich Namen von Experten, die etwas anderes sagen. Es wird aber Zeit, dass die Tonne Kohlendioxid teurerer wird. Bis jetzt sehe ich nur, dass die Klimaschützer für diese Abhängigkeit verantwortlich gemacht werden. Würden die großen Stromversorger mehr Geld in dezentrale regenerative Stromversorgung und weniger Geld in Kohlekraftwerke stecken, wäre das Risiko für steigende CO2-Preise noch geringer. Es sind gerade die Stromproduzenten, die es so weit kommen lassen.

Nach Berechnungen von Mark Lewis, Emissionshandelsexperte bei der Deutschen Bank, stehen den Unternehmen in den fünf Jahren bis 2012 rund zwölf Prozent weniger Rechte zur Verfügung als in der ersten Phase.

Da braucht man schon einen Experten, wenn es um einfache Prozentrechnung geht. Mann, mann. Und dann nicht zu Ende hören. 12% weniger EUAs, UND die Möglichkeit, 22% des Bedarfs mit CERs oder VERs, Zertifikate aus Projekte in Drittländer, abzudecken. Zusammen reicht das Dicke. Nachher werden die CERs wohl besprochen:

[…] hinter dem gesamten CDM-Markt ein dickes Fragezeichen. Die EU-Kommission […] hat in ihren Vorschlag für Phase III die Höchstgrenze für CDM-Zertifikate nahezu auf dem bisherigen Wert eingefroren.

Die liegt auf EU Ebene noch über die erwähnte 22%.

Denn die rigide Haltung des Klimaschutzvorreiters Europa gegenüber CDM bringt nicht nur die noch junge Industrie der Projektentwickler in Gefahr. Sie engt auch den Spielraum der europäischen Unternehmen ein. Und am Ende spürt das der Stromverbraucher im eigenen Portemonnaie.

Jetzt kommen mir wirklich die Tränen. Die zarte Industrie der Projektentwickler ist wesentlich schutzwürdiger als das Klima, das verstehe ich auch. Was würden wir ohne sie machen.

Und wieso wird Klimaschutz betrieben? Ich weiss, es gibt immer noch Leute die skeptisch sind, das ist aber nicht die Diskussion hier. Hier ist die Diskussion: Klimaschutz OK, aber es darf kein Geld kosten. Und das geht nun mal nicht, weil wir im Kyotoer abkommen abgemacht haben, dass es Geld kosten muss. Das ist der Steuermechanismus. Es war von Anfang an klar, dass es dem Stromverbraucher kosten muss – deswegen haben die USA das Protokoll nicht ratifiziert. Ohne höheren Preise kein Preisanreiz etwas zu ändern.

In der Schlussfolgerungen wird der Ton moderater.

Die Qualität der Klimaprojekte in Schwellenländern muss besser werden. Nur ein Beispiel: Michael Wara von der Stanford University hat sich mit dem Treibhausgas Trifluormethan auseinandergesetzt, das bei der Herstellung von Kühlmitteln entsteht. Nach Waras Berechnung ist der Wert der Kühlmittel nur halb so groß wie der Wert der CDM-Zertifikate, die es für entsprechende Einsparungen gibt. Mit anderen Worten: Es lohnt sich, die Produktion auszuweiten, um dann die Emissionen zu senken. Moral Hazard beim Klimaschutz also. Wenn mit solchen Perversitäten Schluss ist, hat der CDM eine Existenzberechtigung. Von ihm profitieren nicht nur die Schwellenländer, sondern auch die europäische Wirtschaft.

Anders gesagt hat CDM heute keine Daseinsberechtigung. Damit bin ich einverstanden.

Ferner muss über unterstützende Maßnahmen für den Privatverbraucher nachgedacht werden. Besonders Haushalte mit geringem Einkommen leiden unter steigenden Energie- und Strompreisen. Wenn es politisch gewollt ist, durch höhere CO2-Preise alternative Energieformen zu fördern, sollte die Öffentlichkeit darauf auch finanziell vorbereitet werden. Denkbar ist beispielsweise, die Erlöse aus der Auktionierung von Zertifikaten – zumindest teilweise – den unteren Einkommensschichten zukommen zu lassen. Im Jargon der Bürokratie ausgedrückt: statt Hartz IV eben Zapfel IV.

Nein nein, Herr Bayer. Man kann selbstverständlich viel sinnvolles machen mit dem Geld, vielleicht auch gerade für Menschen mit wenig Geld, aber sicher kein Zapfel IV. Wir machen Strom teurer aber danach subventionieren wir den Stromverbrauch? Damit ist ein Teil der Marktwirkung wieder weg. Und ich weiß wohl, dass die Signalwirkung von Preise gering ist, gerade bei Menschen mit wenig Einkommen. Das macht Zapfel IV aber nicht sinnvoller.

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