die Du jetzt noch erzählst

Am Sonntag habe ich meinen Papa wieder nach Hause gefahren. Er war die Woche bei uns zu Besuch.

Mein Vater lässt es sich gut gehen

Wir haben noch einen Spaziergang gemacht. Ich habe ihm die traurige Geschichte der aussterbende Sprache erzählt, und dann haben wir über unser eigenes verschwindendes Platt gesprochen. Das ist zwar inzwischen eine Sprache, aber ohne gelebten Alltag.

Als wir zurückkamen, hat er einen Topf mit Kruudmoes (ausgesprochen Krüdmuß) vom Nachbar gekriegt. Für kulinarisch weniger Entwickelte: Kruudmoes ist ein regionales Gericht aus ‚de Veluwe‘. Die Ingredienten sind: Graupen, Rosinen, Buttermilch, geräucherte Wurst, Speck und Süßdolde, eventuell auch mit Minze und dem Blatt des schwarzen Johannisbeeres. Ich habe Deutscher noch nicht begeistern können.

Ich erinnere mich den Kruudmoes von Tante Garritje, von Tante Eef, von meiner Mutter, und dann haben wir über die Gewohnheit gesprochen, Essen zu verschenken. Kruudmoes wurde in große Mengen gekocht. Das kriegt man ohne Gefriertruhe nicht alleine weg. Das gleiche gab es auch, wenn mein Vater mit den Eingeweiden eines Wildschweins oder Hirsches nach Hause kam. (Er war Treiber bei der Jagd.) Dann wurde Balknbrie gekocht, und Opa bekam eine Portion, Opa und Oma, tante Garritje. Das war so nett.

Kulinarisch: Balknbrie ist das gewürzte Kochwasser von Leber und andere Eingeweiden, mit zB Milz und Lunge noch dazugeschnibbelt. Nachdem das ganze gut gekocht ist, wird Buchweizenmehl durchgerührt, bis eine ganz dicke Masse entsteht. Diese Masse wird in Schüsseln gefüllt und abgekühlt und wenn sie kalt ist, in Scheiben geschnitten und gebraten.

Thé Lau singt in Erinnerung an sein Vater:

Ik zoek niet naar de hemel

Ik zoek niet naar de hel

Ik zoek naar de verhalen

die jij niet meer vertelt

Übersetzt heißt das: ich suche nicht nach den Himmel, ich suche nicht nach die Hölle, ich suche die Geschichten, die du nicht mehr erzählst.

Mein Vater ist Teil einer aussterbenden Kultur. Das ist ganz traurig. Ich bin teil einer aussterbenden Kultur. Da wird es schon anders. Wir sind alle Teil einer Kultur, die sich dauerhaft neu erfindet. Das ist auch gut so. Aber Schade um die Geschichten.

Advertisements

5 Comments

  1. Posted 10 Juli 2008 at 5:53 pm | Permalink

    Kruudmoes würde ich zumindest mal probieren. Kann man das auch nur für 2 Personen kochen oder muss man da immer größere Mengen ansetzen, damit es richtig wird?
    Solche Geschichten und Erlebnisse fallen mir auch ab und zu ein. Vieles aus meiner Jugend ist inzwischen verschwunden.

  2. Posted 11 Juli 2008 at 9:56 pm | Permalink

    Mein Vater sagt, dass man es immer in großen Mengen kochen muss. Das muss dann natürlich nicht so sein, es kann auch so sein, dass es nun mal so war. Den Tip, den er mir diesmal gegeben hat: alles getrennt zu kochen. Und Süßdolde muß ganz viel drin. Denk eher an Schnittlauch im Kräauterquark als an Thymian hier oder da.

  3. Posted 12 Juli 2008 at 4:00 pm | Permalink

    Kanns Du das Rezept mal veröffentlichen?

  4. Posted 14 Juli 2008 at 10:27 am | Permalink

    ich kenne es nur ganz grob und müsste nachforschen. Leider ist das gerade ganz schlecht. Ich werde es aber versuchen. Vielleicht finde ich ein einfaches Rezept im Netz und brauche nur zu übrsetzen.

  5. Posted 14 Juli 2008 at 9:25 pm | Permalink

    Danke – das hat Zeit.


Einen Kommentar schreiben

Required fields are marked *

*
*

%d Bloggern gefällt das: