Oginskis ‚Abschied vom Vaterland‘

Ich habe gestern bei meinen Schwiegereltern Oginskis ‚Abschied vom Vaterland‘ auf die Orgel von Swieta Lipka gehört. Als Ausländer berührt mich das Thema, oder sollte es. Und da fängt die Phlosophie schon an. 🙂

Eigentlich weiß ich nicht so gut, wann mein Vaterland genau verschwunden ist. Zumindest aber war es schon weg, als ich nach Deutschland gekommen bin. Oder eigentlich schon, als ich in ’87/’88 in Nicaragua war. Zuhause haben wir Platt gesprochen. Inzwischen hat das Platt so wenig Bedeutung mehr, dass es Sprache heißen darf, aber damals war es (fast) mein ganzes Leben.

Bis ich sechs war, lebten wir in einer kleinen Ortschaft, der Nachbar hat seinen Acker noch mit dem Pferd bestellt, mein Vater war ‚Holzfeller‘ und wenn wir auf unser kleinen Grundstück Roggen angebaut haben, hat mein Vater das mit seinem Vater und seinem Schwager mit der Sichel gemäht, zu Garben gebunden und wir Kinder haben in den Häuschen aus Garben gespielt. Mein Großvater wohnte eine Ortschaft weiter, die Eltern meiner Mutter beim größeren Dorf dahinter.

Irgendwann in den Sechzigern kam die Kettensäge und verschwand der Bedarf an Personal im Wald. Damit verschwanden auch wir aus Gortel. Mein Vater bekam woanders eine Stelle, meine Mutter einen Führerschein und wir ein Auto. Familienkontakt war der Besuch am Sonntag, aber wir waren nicht mehr eingebunden. Keiner brauchte uns, wir brauchten – meistens – keinen. Auch der Kontakt mit der Aussenwelt ging immer mehr über Zeitung und Fernsehen, sogar der Milchmann sprach Holländisch statt Platt.

Eigentlich war auch das Abitur schon einen ordentlichen Bruch mit der Tradition einer Arbeiterfamilie, aber der nächste große Bruch kam nach dem Abitur. Ich zog aus nach Wageningen, lebte in meiner Studentenwelt und die 40 kM nach Hause dauerten Stunden. (Trampen gingschlecht mit meinen langen Haaren und die Busse fuhren alle zwei Stunden am Sonntag. Der Busbahnhof in Ede war für mich der ödeste Ort der Welt. Aber irgendwann kannte ich den Fahrplan.)

Vielleicht hätte mein Vaterland noch existiert wenn ich nicht gegangen wäre. Aber eigentlich geht heutzutage fast jeder. Nur: wenn jetzt ein alter Mann an der Straßenseite steht, ist das nicht meinen Papa. Vielleicht ist es das, was Vaterland ausmacht: der alte Mann, der da steht, kann auch dein Vater sein. Die alte Frau deine Mutter oder deine Tante.

3 Comments

  1. Posted 20 Oktober 2009 at 7:31 pm | Permalink

    So ähnlich geht es mir auch – aber auch Deine Kinder werden ähnliches erleben. Jede Generation macht diese Erfahrung. Früher war die Veränderungen vielleicht nicht so drastisch wie heute.

  2. Posted 21 Oktober 2009 at 7:36 am | Permalink

    Das war indertat auch mein Gedanke. Vielleicht können die ganz abartige Formen von ‚Vaterlandsliebe‘ erst entstehen, wenn das ‚richtige‘ Vaterland – das Land meines Vaters – in der Form nur noch Geschichte ist.

    Und ich sehe auch, dass meine Eltern die Erfahrung gemacht haben.

    Anderseits: als mein Vater 3 war, fing der Krieg an. Sein Vater war 5 Tage weg, dann waren die Niederlanden besetzt, das hat fünf Jahre gedauert. Kurz danach fing der Sozialstaat an. So ganz ohne Brüche war es auch früher nicht.

    Ich werde meinen Vater mal fragen 🙂

  3. Posted 21 Oktober 2009 at 7:46 pm | Permalink

    „Den Vater mal fragen“ ist gut. Das muß man nutzen, es lohnt sich fast immer, wenn es um geschichtliche Themen und selbst Erlebtes geht .


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