E.On bräuchte 7,5 Mrd. Euro mehr Risikokapital für Derivatengeschäfte

Die FTD hatte heute einen netten Artikel zu möglichen Liquiditätsrisiken für die Industrie wegen den Derivatereform. Hier ist eine Äußerung zu E.On, die ich spannend fand.

Allein Europas größter Stromkonzern Eon bräuchte 7,5 Mrd. Euro an neuen Kreditlinien oder an Bargeld, sofern die Vorschläge der EU-Kommission umgesetzt würden. "Das wird eine große Wirkung haben. Wir sind über die Vorstöße sehr überrascht. Die Absicherung über Derivate ist ein alltägliches Geschäft", sagte Verena Volpert, Leiter Finanzen bei Eon, der Financial Times.

Man achte bitte darauf: ‚Die Absicherung über Derivate ist ein alltägliches Geschäft"‚. Die strengere Regeln sind dazu da, Risiken abzufangen. Diese Risiken werden offensichtlich für E.On im Moment auf 7,5 Milliarden Euro beziffert. E.On streitet diese Risiken nicht ab, aber argumentiert mit ‚Tagesgeschäft‘. Zumindest stimmt da etwas nicht mit dem Marketing.

Warum geht es denn eigentlich?

Ein zentraler Baustein sind CCPs, die das Kontrahentenrisiko übernehmen und im Fall eines Zahlungsausfalls einstehen. Die amerikanischen und europäischen Vorschläge sehen vor, dass sämtliche standardisierte Derivatekontrakte über CCPs geschleust werden sollen.

Erst mal zum Akronym: ein CCP ist ein ‚Central Clearing Party‘. Das heißt, dass jedes bilaterales Geschäft einen dritten Partner kriegt, der im Geschäft den Gegenüber für die finanzielle Abwicklung wird. Du lieferst mir zwar den Strom, aber das Geld zahle ich beim Clearing House, und das Clearing House überweist es Dir. Das Clearing House wird aber kein Risiko nehmen wollen. Dazu ist es wichtig, dass es meine ‚Position‘ immer wieder los wird. Wenn ich also insolvent werde, muss das Clearinghouse den Strom sofort und ohne Verlust woanders loswerden können. Wenn die Marktpreise unter den vereinbarten Preis liegen, wird das schwierig. Deswegen wird das Clearinghouse von mir verlangen, dass ich den Unterschied zwischen Vertragswert und Marktwert plus noch eine ‚kleine‘ Marge als Sicherheit hinterlege. Das ist im börslichen Terminhandel völlig normal. (Vgl. Kapittel 3 in diese EEX-Broschüre)

Und das Problem?

Die Industrie wähnt sich dadurch im Nachteil. Der Trend zur Standardisierung gefährde die Absicherung gegen Wechselkurs- und Rohstoffpreisschwankungen.

Wieso das denn?

Außerdem entstehe durch CCPs ein Liquiditätsrisiko, argumentieren die Unternehmen. Der Grund: Bei den zentralen Gegenparteien müssen Sicherheiten hinterlegt werden, deren Höhe sich nach dem Marktpreis der Derivate richtet und deshalb variiert.

Das Liquiditätsrisiko ist auch nachvollziehbar (Metallgeselschaft). Meine Frage wäre aber: wer trägt jetzt das Risiko? E.On scheint mir auch ein ‚too big to fail‘. ‚Die Industrie‘ will noch immer bestimmte Risiken nicht mit Kapital hinterlegen und damit auf den Steurzahler bauen. Spannend.

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4 Comments

  1. Posted 9 Oktober 2009 at 10:11 am | Permalink

    Die Großkonzerne führen jetzt wilde Milliardenbeträge an, um den Gesetzgebungsprozess zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Macht der Artikel ja auch klar, es geht um Lobbyismus. Mich würde mal interessieren, auf wieviel Analysten den Kapitalbedarf für EON schätzen.

  2. Posted 9 Oktober 2009 at 12:14 pm | Permalink

    Das ist zu platt. Es geht nämlich zum Beispiel um folgendes:

    1) E.On hat viel Kraftwerkskapazitäten.
    2) Diese werden langfristig verkauft: die Erzeugung eines Kohlekraftwerks ist wahrscheinlich ür die nächsten 3 oder 5 oder 7 Jahren schon veräussert.
    3) Das geht entweder über Terminkontrakte an der Börse, wo dieses Margining geregelt ist, oder über bilateralen Verträgen, wo man das machen kann aber nicht muss. Diese bilateralen Verträge können einfache Forwards oder auch Swaps sein.
    4) Aus diesen Verträgen entsteht ein Kreditrisiko (oder besser: Kontrahentenrisiko). Dieses Risiko wird (wahrscheinlich ziemlich gut) gemanaged, aber es taucht nicht auf die Bilanz auf und es gelten keine Eigenkapitalregelungen.
    5) Würde E.On gezwungen werden, dieses Kontrahentenrisiko über ein Clearinghouse abzuwickeln, könnten da erhebliche Liquiditätsrisiken entstehen: Änderungen in der Marktwert der offenen Positionen tauchen nicht mehr nur im Risikobericht der Risiko-Beauftragten auf, sondern auch auf der Rechnung der Clearingbank. Ich habe das Beispiel der Metallgesellschaft erwähnt, um zu zeigen, um was für isiken es hier geht.
    6) Ich kann nicht in E.Ons Bücher schauen, aber ich gehe davon aus, dass dieser Betrag nicht zehnfach überzogen ist.

    Was mir interessiert, ist die Frage, wer denn faktisch jetzt diese Risiken trägt.

  3. Posted 9 Oktober 2009 at 4:35 pm | Permalink

    Das Kontrahentenrisiko von E.ON lässt sich vermutlich in der Tat nicht mit den Finanz-Wetten von AIG & Co vergleichen. Andererseits hätte auch niemand gedacht, dass der US-Immobilienmarkt so morsch ist.

  4. Posted 10 Oktober 2009 at 10:55 am | Permalink

    1) ’niemand gedacht, dass die Immobilienmarkt so morsch ist‘? Stimmt nicht. http://www.calculatedriskblog.com/ oder Nouriel Roubini predigten das schon ziemlich lange, auch The Economist hat schon mindestens ein halbes Jahr bevor Lehmann Brothers oder AIG über das Thema geschrieben.

    2) Zu AIG hat Vanity Fair gerade ein netter (human interest, selbstverständlich, dafür aber nicht geiferig) Artikel geschrieben: http://www.vanityfair.com/politics/features/2009/08/aig200908?printable=true

    Und ich versthe die Aussage nicht ganz. Selbstverständlich lässt das Risiko sich erst mal nicht vergleichen. (€7.500.000.000,00 ist was anderes als €750.000.000.000,00, wenn man genau hinguckt.) Man sollte aber bedenken, das Merrill Lynch, Citigroup, Barclays etc. auch stark in den Commodity-Märkte engagiert sind. So trivial ist es nicht. Das ist gerade das interessante hier 🙂

    Noch ein kleines Rechenbeispiel zu E.On: nehmen wir ein Kernkraftwerk mit einer Kapazität von etwas mehr als einen Gigawatt. Und ein Jahr mit etwas weniger als 10000 Stunden. Dann kommen wir auf eine jährlich Stromproduktion von ungefähr 10 Terawattstunden, 10 Millionen Megawattstunden. Nehmen wir einen Basepreis von €50,00 an (passt gerade relativ gut), dann kommen wir auf einen Marktwert der Jahresproduktion für 2010 von 500 Millionen Euro. Das ist viel Geld.

    Vor einigen Monaten war der Basepreis noch etwas niedriger. Das kann in einige Monaten wieder der Fall sein. Nehmen wir doch einen Preisverfall von 5 Euro an das rechnet schön leicht, das sind einfach 10%, also 50 Millionen Euro. Im Moment ist der Lage so, dass diese 50 Millionen in den Risikoberichten auftauchen. Vielleicht wird das Verhältnis zu RWE, Barclays oder einen anderen großen Händler zu stark belastet und fordert dieser Sicherheiten, aber im Allgemeinen wird der Kreditrahmen schon ausreichen. Diese 50 Millionen tauchen weder in der Bilanz noch in der GuV auf.

    Bei der Lösung mit einem zentralen Clearing House müssten diese 50 Millionen hinterlegt werden. Sie würden somit als Kapital auf der Bilanz auftauchen.

    Übrigens liegt das Risiko bei steigenden Preisen auf der anderen Seite. Da könnte der Bedarf jedes Stadtwerk treffen, dass den Strom hauptsächlich über den bilateralen Markt bezieht.

    Letztendlich weiß ich selbstverständlich nicht,welche Risiken E.On genau beschreibt. Ich habe die normalen Risiken eines Stromproduzenten und -Lieferanten beschrieben. Vielleicht liegen auf der Investitionsseite noch viele Interessante Zinsgeschäfte versteckt, oder Währungsgeschäfte auf der operativen Seite. Wer weiß, wer weiß. Es bleibt spannend.


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